In Tibet ist die medizinische Grundversorgung unzureichend. Speziell in den Nomadengebieten gibt es meist nur wenige oder keine Ärzte.

Als Standort für unsere Krankenstation haben wir eine Nomadenregion ca. 80 km nördlich von Drango in der Tibetischen Autonomen Präfektur Kandze (Kham, Osttibet) ausgewählt. Das Gebiet umfasst mehrere kleine Nomadensiedlungen, insgesamt leben dort ca. 4.500  Personen (500 Familien). Schätzungsweise 80% der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze. Die meisten Menschen in der Region haben kein regelmäßiges Einkommen und keine finanziellen Rücklagen. Sie besitzen einige Yaks, ein Zelt und manchmal eine kleine Hütte für den Winter und ernähren sich von den Produkten, die ihre Tiere bereitstellen, wie etwa Butter, Fleisch, Joghurt und Käse. Darüber hinaus verkaufen sie Felle und weitere tierische Produkte, um etwas Reis und Gemüse kaufen zu können.

Vor dem Bau unserer Krankenstation gab es in der Region nur einen Arzt, der jedoch weder ausgebildet noch besonders motiviert war. Entsprechend gering war das Vertrauen der lokalen Bevölkerung. Er konnte lediglich Patienten mit sehr einfachen Erkrankungen behandeln. Sobald Patienten ernsthaft erkrankten, musste er sie an das Krankenhaus in Chengdu (18 Autostunden entfernt) überweisen.

Da die meisten Nomaden gerade einmal genug Geld haben, um die notwendigsten Dinge anzuschaffen, können sie Ärzte, Medikamente oder weite Reisen selbstverständlich nicht bezahlen. Aufgrund dessen starben viele Menschen an in der Regel harmlosen Erkrankungen. Häufig ließen sie eine große Familie mit vielen Kindern zurück. Die durchschnittliche Sterberate in der Region lag bei ca. 50 Jahren. Besonders wenn das Familienoberhaupt verstarb, war die Familie oft nicht mehr in der Lage, für ihren Lebensunterhalt aufzukommen. Viele Kinder mussten ohne Eltern aufwachsen, einige lebten auf der Straße.