Eine Geschichte für Grundschulkinder: “Ich bin Tashi, der Nomadenjunge”

Ich heiße Tashi und bin zehn Jahre alt. Ich lebe mit meiner Familie in einer kleinen Siedlung in Osttibet. Wir sind Nomaden. Nomaden leben nicht in einem Haus, sondern in einem großen schwarzen Zelt, mit dem sie umherziehen. Meine Familie ist sehr groß: Ich habe fünf Schwestern und einen Bruder und sehr viele Cousins. Außerdem leben in unserem Zelt noch meine Eltern, meine Großeltern, zwei Onkel und eine Tante. In dem Zelt gibt es überhaupt keine Möbel. Stühle, Sofas oder Sessel brauchen wir nicht, denn am liebsten sitzen alle im Kreis auf dem Boden. Auch Betten gibt es nicht im Zelt. Ich schlafe mit meiner kleinen Schwester Lhamo zusammen auf einem Fell. Und anstelle eines Herdes befinden sich auf dem Boden im Zelt eine Feuerstelle und ein kleiner Ofen. Da meine Familie nur wenige Dinge besitzt, braucht sie auch keine Schränke.

Bei uns gibt es sehr viel Arbeit, deshalb müssen alle mithelfen. Meine Geschwister und ich haben alle feste Aufgaben. Ich kümmere mich um die Baby-Yaks. Yaks sehen so ähnlich aus wie Kühe, sie sind aber viel größer und kräftiger und ihr Fell ist lang und zottelig. Die Yaks sind unheimlich stark und können schwere Lasten tragen.  Außerdem mögen sie kaltes Wetter – und in meiner Heimat, in Tibet, ist es sehr kalt! Die Yaks leben mit meiner Familie und mir hoch oben auf den Bergen, zusammen mit vielen anderen Nomadenfamilien und Yakherden. Yaks sind für die Nomaden sehr wichtig. Mein Zuhause, das große Zelt, wurde aus Yakhaaren geflochten. Mein Bett, das Fell, kommt ebenfalls vom Yak. Und auch meine Kleidung wurde aus Yakhaaren und Yakfell gemacht. Außerdem benutzen wir den Yakkot zum Feuer machen denn dort wo ich lebe wachsen keine Bäume.

Mein Vater ist für die großen Yakbullen verantwortlich. Er bringt sie jeden Tag früh am Morgen auf die höchstgelegenen Grasflächen ganz oben auf den Bergen, denn hier ist Gras am saftigsten. Ich begleite ihn, denn auch die Baby-Yaks und die Yakkühe grasen oben auf den Bergen. Zusammen mit meinem Vater passe ich auf, dass die Yaks nicht von Wölfen angegriffen werden. Am Abend holen wir die  Tiere zum Zelt zurück. Dann werden die Yakkühe von meiner Mutter gemolken. Die Milch wird zu Käse, Joghurt oder Butter weiterverarbeitet.  Dafür sind meine Schwestern zuständig.

Das Essen bei uns zu Hause schmeckt mir gut und es stört mich gar nicht, dass es fast immer das gleiche gibt. Die Zutaten stammen fast alle vom Yak. Zum Frühstück gibt es jeden morgen Tee mit Milch, Butter und Salz. Dazu essen wir Tsampa, einen Brei aus Gerstenmehl, Tee und Butter. Mittags kocht meine Mutter an besonderen Tagen etwas Reis mit Gemüse. Meistens gibt es aber auch mittags Tsampa, manchmal mit Joghurt oder Käse. Abends, wenn alle von der Arbeit kommen, bereitet meine Mutter eine  Suppe mit selbstgemachten Nudeln und etwas Fleisch zu. Sie heißt Thug Pa und schmeckt mir besonders gut.

Seit zwei Jahren können meine Geschwister und ich zur Schule gehen. Die Schule wurde mit Spendengeldern der Katholischen Grundschule Overbeckstraße in Köln extra für uns Nomadenkinder gebaut. Der Unterricht beginnt morgens um acht Uhr. Ich stehe jeden morgen um fünf Uhr auf, denn bevor ich zur Schule gehen kann muss ich noch die Baby-Yaks auf den Berg bringen. Danach gibt es Frühstück und dann machen meine Geschwister und ich uns auf den einstündigen Fußweg. In der Schule lernen wir Tibetisch, Chinesisch, Englisch und Mathe. Von zwölf bis zwei ist Mittagspause. Weil der Weg nach Hause so lang ist, bleiben meine Geschwister und ich mit vielen anderen Kindern in der Schule. Von zwei bis um fünf haben wir dann noch einmal Unterricht und danach ist schulfrei. Wenn ich abends nach Hause komme, hole ich noch die Yaks vom Berg zurück. Nach dem Abendessen sind wir alle sehr müde und weil es dann auch dunkel wird gehen wir schlafen.

Samstags haben wir nur vormittags Unterricht und sonntags beginnt die Schule erst am Nachmittag. Zwischendurch kann ich mit meinen Geschwistern spielen. Spielsachen haben wir nicht, dafür können wir aber überall auf den Bergen herumtoben. Mit meinem Bruder denke ich mir immer wieder neue Spiele aus. Im Winter laufen wir auf dem Eis Schlittschuh. Dafür basteln wir uns Kufen aus Holz. Auch im Sommer fallen uns immer viele Spiele ein, zum Beispiel Verstecken. Das ist gar nicht so einfach, denn es gibt ja keine Bäume, Häuser oder Autos, hinter denen wir uns verstecken könnten. Wir machen uns immer ganz klein und kriechen hinter die kleinen Yaks, die in der Nähe des Zeltes grasen, oder in die flachen Gruben, die es überall auf den Bergen gibt. Manchmal leihen wir uns auch die Pferde von den Nachbarn aus und reiten um die Wette. Ich kann mich überhaupt nicht daran erinnern, dass mir einmal langweilig gewesen wäre.

Am allerliebsten aber gehe ich zur Schule. Wenn meine Eltern es erlauben und es zu Hause nicht so viel Arbeit gibt, gehe ich auch in den Ferien dorthin. Für mich und meine Freunde und Geschwister ist es etwas ganz besonderes, dass wir den Unterricht besuchen können, denn viele Kinder in Tibet können nicht zur Schule gehen. Manchmal, wenn ich im Unterricht sitze und wieder eine neue spannende Geschichte lese, denke ich, dass ich das glücklichste Kind in der Welt sein muss.